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Wenn die Kirche zum Mass aller Dinge wird, verfehlt sie ihre Aufgabe. Jesus Christus sagt zu seinen Jüngern: «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.»
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Kein Selbstzweck
©2019 Henry Aurich
In diesen Worten steckt, nicht bloss ein Versprechen – beispielsweise für unsere Gottesdienste – darin steckt auch eine Mahnung. Wir versammeln uns im Namen von Jesus Christus, nicht im Namen der Kirche. Wir wünschen jedem Kind, dass es in eine liebevolle Familie hineingeboren wird. Wir wissen, wie wichtig eine Familie für die Entwicklung eines Menschen ist. Und bis ins hohe Alter hoffen wir auf unsere Familie als Ort der Gemeinschaft, der Wertschätzung und der Solidarität. Wenn Familien «zu gut» funktionieren, können sie allerdings auch zum Hindernis werden. Dann wird aus der Gemeinschaft ein Clan, aus der Wertschätzung werden Fesseln und aus der Solidarität wird Selbstgenügsamkeit. Solche geschlossenen Systeme sind jedoch lebensfeindlich. Familien werden dann zu einem Kokon, der gar nicht mehr auf Verwandlung abzielt und letztlich neues Leben verhindert. Dann sind Kinder für den Fortbestand der Familie und nicht für die Entfaltung von neuem Leben da. Und wenn die Kinder erwachsen sind, wird von ihnen die Gründung einer Filiale des Clans erwartet. Familien, die zum Selbstzweck werden, stehen jedoch der Entfaltung des Lebens im Weg. Deshalb sterben Adelsgeschlechter aus. Deshalb beklagt man sich in Clans über Machtspiele. Deshalb wird das Weihnachtsfest zur Last. Wenn Jesus seine Jünger auffordert, ihre Familien zurückzulassen, dann ist das vor allem die Mahnung, Familien nicht mehr absolut zu sehen. Dann ist das die Aufforderung, den Kokon aufzubrechen und sich zu verwandeln. Genau dasselbe erwartet Jesus Christus aber auch von den Kirchen – nicht nur der katholischen. Wann immer die Jünger bestrebt waren, aus der Gemeinschaft mit Jesus eine geschlossene Gesellschaft zu machen, hat er das vehement verhindert. Wir glauben und feiern also nicht im Namen der Kirche, sondern wir versammeln uns im Namen von Jesus Christus. Er selbst ist die Ökumene. Er ist «der Weg und die Wahrheit und das Leben». Drei Fragen an Sr. Text: Thomas Binotto
Der liebe Gott… Auf den ersten Blick ist das Bild vom «lieben Gott» so wunderbar fürsorglich. Wenn man es jedoch an das Bild des «allmächtigen Gottes» koppelt – was tatsächlich sehr häufig geschieht – dann droht es zu kippen. Und vollends widersprüchlich wird es, wenn bei jedem Unglück sogleich der liebende Gott und seine göttliche Vorsehung ins Spiel gebracht werden. Dahinter steckt wohl der Versuch, aus Unsicherheit und Angst ein Beruhigungsmittel gegen die Verzweiflung zu verabreichen. Der fromme Eifer kann sogar so weit gehen, dass er all jenen den Glauben abspricht, die im Leiden nur ein schreckliches Schicksal sehen. Damit werden Leidende auf perverse Weise zu den Schuldigen ihres eigenen Unglücks erklärt. Sie erscheinen als undankbare Menschen, die nur deshalb so sehr leiden, weil sie zu wenig glauben. Die Bibel – besonders eindrücklich in ihren Psalmen – zeigt uns jedoch immer wieder, dass zu unserer Gottesbeziehung auch das Unverständnis gehört. Zu einer reifen Spiritualität gehört das Ertragen der Gottferne, das Aushalten der Verzweiflung, die Wahrnehmung der Sinnleere. Der «liebe Gott» ist kein Garant für Unverletzlichkeit. Er ist kein Ordnungshüter und auch kein Wunderdoktor, sondern ein Fundament und eine Hoffnung. Mein «lieber Gott» ist deshalb oft ohnmächtig und scheinbar unsichtbar. Er hält nicht alles umklammert. Seine Liebe ist nicht der erdrückende Busen einer Matrone. Und weil er mich freilässt, muss er zulassen, dass ich ihn nicht spüre, obwohl er da ist. Mein Gott behandelt mich nicht wie ein Claqueur in einem abgekarteten Spiel. Er ist auf mich angewiesen. Das Bild eines Gottes, der stets alles im Griff hat mit seiner Liebe und seiner Allmacht, dieses Bild verleitet dazu, die eigene Verantwortung zu vernachlässigen. Dabei wird übersehen, dass wir selbst den Unterschied, die Veränderung, die Verbesserung, ausmachen können. Wir selbst können das Wunder sein. Der Preis, den ich für meinen Glauben an den lieben Gott bezahlen muss, ist der, dass Gott nicht länger allmächtig ist und ich ihn nicht in mein Schema pressen kann. Und genau als ein solcher Gott hat er sich am Kreuz offenbart. Als ein ohnmächtiger, hilfloser, verurteilter Gott, der in einem bitteren Paradox schreit: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!» Damit zitiert Jesus Christus ausgerechnet einen Psalm, in dem Menschen mit dem lieben Gott ringen. Am Kreuz wird mit aller Deutlichkeit sichtbar, wofür sich Gott in seinem Dilemma entscheidet: für die Liebe und gegen die Allmacht. Damit öffnet sich der Raum für jene Überraschung, die sich drei Tage später ereignet… Text: Thomas Binotto
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