Glauben heute
Resilienz beginnt dort, wo Kontrolle endet
«Resilienz» klingt nach Gummi – nach einem Material, das
sich verformt und wieder in seine ursprüngliche Gestalt
zurückkehrt. Doch der Mensch ist kein Gummiband. Nach
einer tiefen Erschütterung kehren wir nicht einfach dorthin
zurück, wo wir vorher standen. Die großen Erfahrungen des
Lebens – Verlust, Krankheit, Scheitern, Abschied, Streit –
hinterlassen Spuren. Wir können nicht ungeschehen
machen, was geschehen ist. Doch nicht jede Spur ist eine
Wunde, die verschwinden muss. Oft sind gerade diese
Erfahrungen wie Pforten zu einer neuen Sichtweise: Sie lösen
uns aus der krampfhaften Vorstellung, wir seien nur unsere
Pläne, unsere Rollen und unsere Erfolge.
Der tantrische Yogi Milarepa sagt: «Der Fluss kämpft
nicht gegen die Steine in seinem Weg.» Häufig verwechseln
wir Resilienz mit Unerschütterlichkeit – mit der Fähigkeit,
den Stürmen des Lebens standzuhalten. Spirituelle
Traditionen erinnern jedoch an eine andere Wahrheit:
Leiden entsteht nicht nur durch das, was uns widerfährt,
sondern ebenso durch unseren Widerstand dagegen –
unseren Groll. Wer stets gegen die Wirklichkeit ankämpft,
befindet sich eben ständig in einem Kampf.
Buddha wiederum sagt: «An Groll festzuhalten ist, als würde man selbst das Gift trinken und hoffen, dass der andere den Schmerz spürt.» Loslassen
bedeutet nicht, gleichgültig zu werden. Es bedeutet, die Wirklichkeit nicht länger mit geballten Fäusten und angespanntem Kiefer festhalten zu
wollen. Wir wachsen nicht daran, dass uns Schwierigkeiten erspart bleiben. Aber zwischen dem, was geschieht, und unserer Antwort darauf liegt ein
Raum – und in diesem Raum liegt die Freiheit, innezuhalten und zu fragen, wie es der indische spirituelle Lehrer Ramana Maharshi tut: «Wer ist es,
für den dieses Problem entsteht?»
Resilienz bedeutet nicht, unzerbrechlich zu werden. Sie bedeutet, die Brüche des Lebens nicht als Endpunkt zu betrachten. Brüche sind jene Stellen,
an denen sich eine Schau nach innen öffnen kann. Sie ist die Fähigkeit, aus dem Erlebten eine neue innere Ordnung entstehen zu lassen.
Vidyabhaskar Sanskrit-Gelehrter, Religionswissenschaftler
Kolumne von Manuel Buchmann
Wir werden älter – ohne damit zu rechnen Die demografische Entwicklung macht Altersvorsorge zur komplexen Herausforderung. Auch Finanzkompetenz tut Not.
Als die AHV 1948 eingeführt wurde, kamen auf einen Rentner rund 6,5 Erwerbstätige. Heute sind es noch etwa drei. Bis 2050 dürften es gegen zwei sein.
Diese Zahlenreihe erklärt, warum die Altersvorsorge zum demografischen Dauerthema geworden ist. Weniger bekannt: Die Demografie trifft nicht nur die
AHV, sondern alle drei Säulen, nur auf unterschiedliche Weise.
Die erste Säule ist am offensichtlichsten betroffen. Die AHV funktioniert im Umlage verfahren: Die Erwerbstätigen von heute finanzieren die Renten von
heute. Schrumpft das Verhältnis zwischen Beitragszahlenden und Rentenbeziehenden, gerät das System unter Druck. Finanzieren lassen sich die Renten dann
nur durch höhere Beiträge, tiefere Renten, längere Erwerbsleben oder Quersubventionierung, etwa über die Mehr wertsteuer. Keine dieser Optionen ist
attraktiv. Aber genau das zeigt, welchen Druck die Demografie auf unsere Gesellschaft ausübt. Die zweite Säule gilt als demografieresis tent, weil jeder
sein eigenes Kapital an spart. Das stimmt nur zur Hälfte. Die steigende Lebenserwartung bedeutet, dass das gleiche Kapital über mehr Rentenjahre reichen
muss. Gleichzeitig ist fraglich, ob der Kapitalmarkt künftig die gleichen Renditen liefert wie bisher. Denn auch die Wirtschaft altert mit dem Land und
spürt demografischen Gegenwind.
Und die dritte Säule? Sie ist freiwillig – und genau das ist ihr demografisches Problem: Wer sie am nötigsten hätte, nutzt sie am wenigsten. Die
Vorsorgelücken konzentrieren sich dort, wo der Spielraum zum Sparen am kleinsten ist. Die Konsequenz ist unbequem: Die persönliche Vorsorge wird
wichtiger. Der Staat kann das Rentenniveau der Babyboomer nicht für alle nachfolgenden Jahrgänge garantieren, ohne die Jüngeren übermäßig zu belasten.
Eigenverantwortung wird zur demografischen Notwendigkeit.
Doch Eigenverantwortung setzt etwas voraus, worüber selten gesprochen wird: Kompetenz. Studien zeigen regelmäßig, dass viele Menschen grundlegende
Konzepte wie Zinseszins, Inflation oder Risikodiversifikation nicht sicher beherrschen. Gleich zeitig verlangen wir von ihnen Entscheidungen mit
Konsequenzen über Jahrzehnte. Das prominenteste Beispiel: der Bezug der zweiten Säule. Rente oder Kapital? Für die meisten Haushalte ist das die größte
Finanzentscheidung ihres Lebens. Eine lebenslange, garantierte Rente steht gegen ein Kapital, das selbst verwaltet werden will, mit allen Chancen und
Risiken. Die Entscheidung ist unwiderruflich. Und sie fällt oft unter Zeitdruck, kurz vor der Pensionierung, ohne fundierte Beratung. Oder mit einer
Beratung, die vor allem eigene Interessen verfolgt. Der Trend geht klar Richtung Kapitalbezug. Nicht weil es immer die bessere Wahl wäre, sondern weil
Kapital greifbarer erscheint als eine abstrakte Rente. Dabei müsste die Rente bei steigender Lebenserwartung eigentlich attraktiver werden: Sie ist bis
zum Lebensende garantiert und versichert damit gegen das Langlebigkeitsrisiko, also die Gefahr, das eigene Vermögen zu überleben.
Hier liegt eine Aufgabe, die weder Markt noch Staat bisher gelöst haben: Finanzkompetenz müsste so selbstverständlich vermittelt werden wie Lesen und
Rechnen – in der Schule, im Berufsleben, vor der Pensionierung. Ein Land, das immer mehr Vorsorgeverantwortung an seine Bürgerinnen und Bürger
delegiert, muss sie auch dazu befähigen. Sonst wird aus Eigenverantwortung stille Überforderung – und aus der demografischen Herausforderung eine
soziale.