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Was hat Religion mit Politik zu tun?
«Religion» kann als Sammelbegriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Weltanschauungen verstanden werden, deren Grundlage der jeweilige Glaube an überirdische Kräfte und an damit verbundene heilige Objekte ist, welche nur auf dem Weg persönlicher Erfahrung bewiesen werden können. Unter dem Namen «Politik» lassen sich alle Tätigkeiten, Gegenstände und Fragen zusammenfassen, die das Gemeinwesen betreffen. Selbstverständlich können wir über diese Definitionen streiten. Unbestreitbar ist jedoch, dass sich Religion und Politik oft überschneiden oder gegenseitig durchdringen. Abstimmungen über politische Fragen zum Beispiel entfachen nicht selten besonders starke Leidenschaften, wenn sie sich um religiöse Fragen drehen. Alt Bundesrat Hans-Peter Tschudi pflegte bis ins hohe Alter zu betonen, dass er bei keiner nationalen Abstimmung so viele hässliche Äusserungen im Volk wahrgenommen hatte wie 1973 im Vorfeld der Abstimmung über die Aufhebung des Jesuitenverbots. Ähnlich war es 2009 rund um die Minarett- Initiative. Es dauerte länger, bis sich die Emotionen, welche im Zusammenhang mit dieser Abstimmung geweckt worden waren, wieder legten. Rasch können sie wieder hochgekocht werden. Vielfach beschrieben wurde schon, dass politische Versammlungen den Charakter von Inszenierungen annehmen können, in denen sich ein politischer Leader wie ein Erweckungsprediger oder sogar wie ein Messias gebärdet, dem die Massen kritiklos huldigen. In solchen Fällen bildet sich rasch eine Kaste von Gefolgsleuten heraus, welche aus ihrer Nähe zum Leader eine starke Autorität gewinnen. Dann haben wir Zustände, wie wir sie auch in rigiden religiösen Systemen vorfinden. Bis in die Biographien einzelner Menschen reichen die Verflechtungen von Religion und Politik. Beschränken wir uns dabei auf die Schweiz, wo es von etlichen Bundesräten hiess, dass sie eher predigten als regierten, und wo, wie kürzlich bekannt wurde, ein Alt-Politiker Kirchen aufkaufen wollte, um seine Vorstellung von Religion in diesen Kirchen durchzusetzen. Dem ehemaligen indischen Verteidigungsminister George Fernandes, Katholik und Kommunist, wird der Satz zugeschrieben: «Politik ist kurzfristige Religion - Religion ist langfristige Politik.» Franz-Xaver Hiestand SJ, Leiter des aki
Vertrauen
Wir haben oft eine ziemlich eigenwillige Vorstellung von dem, was wir Vertrauen nennen. Beispielsweise trauen wir unseren jugendlichen Kindern den Ausgang erst zu, wenn sie vorher den gesamten Katalog von «Njets» abgenickt und uns hoch und heilig versprochen haben, auf ihrem Handy jederzeit erreichbar zu bleiben. - Oder wir delegieren; einen Arbeitsauftrag erst dann, wenn wir Gewissheit haben, dass er genauso und vor allem genau so gut ausgeführt wird, wie wenn wir selbst Hand anlegen wurden. - Und wir vertrauen Menschen erst. dann, wenn sie sich als vertrauenswürdig erwiesen haben und auch dann nur genau so lange, wie sie unser Vertrauen rechtfertigen. Kurz: Wir sagen «Vertrauen» - möchten aber in Wirklichkeit, «Kontrolle». Von Lenin wird behauptet, er habe gesagt: «Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.» Er scheint damit nicht bloss bei Marxisten ins Schwarze getroffen zu haben. Auch wir scheinbaren Erzdemokraten wollen es oft nicht anders. Und so schicken wir Delegationen an Verhandlungen - greifen aber gleichzeitig weiterhin direkt in die Verhandlungen ein. Wir wählen Bundesräte - aber nur halb, wie wir später behaupten. Unser Sprachgebrauch verrät uns, denn wenn jemand unser Vertrauen rechtfertigen muss, dann schenken wir dieses Vertrauen gar nicht, wir investieren es. In unserer Kirche ticken wir häufig nicht anders. Wir vertrauen in demokratische Strukturen - aber nur dann, wenn das Resultat unserem Gusto entspricht. Wir vertrauen Hilfswerken unsere Spenden an - wollen aber bis ins Detail bestimmen, was damit geschehen, soll. Wir loben uns selbst für unser Vertrauen in den Heiligen Geist - und wollen doch selbst festschreiben, was richtig und falsch ist. Und wir sind nur solange papsttreu, wie der Papst nicht selbst zum Revoluzzer wird. Viel zu wenig sind wir uns offenbar bewusst, dass zu jedem Vertrauen auch Risiko, Unwägbarkeit, Loslassen gehört. Wer vertraut, lässt sich darauf ein, nicht alles bestimmen zu können. Wer vertraut, der kennt das Resultat noch nicht. Wer vertraut, der akzeptiert auch Meinungsverschiedenheiten. Und wer vertraut, der fixiert kein «return of investment». Christus macht uns in den Evangelien diese geradezu leichtfertige Art des Vertrauens vor. Immer und immer wie - der. Allen schlechten Erfahrungen zum Trotz. Bis er schliesslich sogar einen Wankelmütigen zum Felsen ernennt. Was bleibt dem lieben Gott mit uns Menschen schon anderes übrig ? Kontrolle mag auf den ersten Blick die erfolgreichere Strategie sein - aber auf Dauer ist es das Vertrauen, das selig macht. . ! Thomas Binotto
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